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"UND WENN ICH DICH ANSAH HÖRTE ICH GEHEIMNISVOLLE MUSIK"

 ...singt Salome in Richard Strauss’ gleichnamiger Oper zu schwebenden Klängen einer Bühnenmusik – doch wer weiß schon heute noch, dass Strauss für ebendiese u.a. ein Harmonium vorgeschrieben hat?! Wem ist bekannt, dass Franz Liszts Oratorium Christus einen ausgiebigen Harmoniumpart enthält? Wer erinnert sich heute noch an Komponisten wie Maximilian Heidrich, Nikolaus von Wilm, Mélanie Bonis oder Otto Kahn?

Sie ist längst vergangen, die Zeit der Salons mit schweren, roten Samtvorhängen, dunklen Holzvertäfelungen, vorbei die Tage einer neo-romantischen Rückbesinnung und Verklärung. Spätestens mit dem Ende des Historismus endete auch die Blütezeit des ‚jüngsten unter den alten Instrumenten’ (Christian Ahrens in ‚Das Harmonium in Deutschland’) und mit ihm verschwanden auch die Namen einer Vielzahl von Komponisten aus den Notenregalen der hausmusikalisch ambitionierten Haushalte, den Bibliotheken und Archiven der Konzertsäle. Nur zu bedauerlich! Denn, wenn auch hier wie in allen anderen Epochen sicher nicht alles kompositorisches Gold ist, was noch existiert und wenigstens matt glänzt, geht es doch darum, die Schätze dieser Zeit des Überschwangs und Opulenz zu heben.

Das alles ist ca. 120 Jahre her – es drängt sich auf, ein neues Licht auf die kleinen und großen Meister zu werfen, die lange genug dem Schlummer der Vergessenheit anheim gefallen sind.

Nicht nur Richard Strauss besetzt in mehreren Bühnenwerken wie Salome, Feuersnot, Ariadne auf Naxos und Der Rosenkavalier das Harmonium, sondern auch in großen Opern von Boito (Mephistophele), Dvorak (Rusalka), Korngold (Die tote Stadt), Massenet (Thais) u.v.a., findet das Instrument Verwendung und entfaltet seinen Klangzauber.

Auf dem Gebiet der Kammermusik war es noch bedeutend populärer. Es wurde sowohl als Soloinstrument  - allein oder mit Begleitung des Pianoforte - als auch als Klang- und Harmonie-Stütze in Ensembles eingesetzt. Richard Wagner beispielsweise besaß ein großes, amerikanisches Instrument, das, in der Halle der Villa Wahnfried platziert, regelmäßig auf Soireen erklang und einen ‚orchestralen’ Klang erzeugte. In beiden Funktionen, solo und als eine Art ‚romantischer Basso Continuo’, fungiert das Harmonium als feste Größe im Ensemble Quatuor Romantique, das sich an der sog. ‚Wiener Salonbesetzung’ orientiert, die im Gegensatz zur Berliner oder Pariser Besetzung, i. d. R. ohne Bläserstimmen auskommt.

Das Repertoire ist durchaus vielschichtig. Zu einer Zeit, wo Tonträger noch Zukunftsmusik waren, musste eben selbst musiziert werden. Für Konzertsaal und Salon entstanden eine Fülle von Kompositionen oder Bearbeitungen bestehender Werke, die den Menschen teils besser vertraut waren als die Originale: eine Fantasie in Quartettbesetzung ließ sich eher spielen, als dass man viel Gelegenheit gehabt hätte, einer kompletten Oper von Meyerbeer, Thomas, Magnard oder Maillart beizuwohnen.

Die ‚Alte Musik’ hat sich längst über Händel und Bach hinausentwickelt. Große Entdeckungen wurden gemacht, sodass Porpora, Bassani, Gasparini u.v.a. heutzutage keine Unbekannten mehr sind – und das ist gut so. Längst werden Wiener Klassik und Frühromantik, ja selbst Brahms und Verdi auf historischem Instrumentarium wiedergegeben, was der Musik unbestritten eine völlig neue Dimension verleiht. Nun wird es Zeit, sich den Werken des späten, ausgehenden 19. Jahrhunderts mit Ambition zu widmen.  Die Suche nach Noten in Archiven und Antiquariaten ist eine hoch spannende Sache und die Musik dieser Epoche wieder zu entdecken, mit neuem Leben zu erfüllen, ihre ganze Dramatik und Süße in unseren Proben zu erleben und in Konzerten mit einem Publikum zu teilen, ist das Ziel des Quatuor Romantique

Joachim Diessner, Mai 2006

 

 Familie Hindemith (ca. 1905)

 

 

 

 

 

 

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